{"id":1576,"date":"2019-11-04T11:16:38","date_gmt":"2019-11-04T11:16:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreaheller.ch\/?p=1576"},"modified":"2023-09-25T12:41:53","modified_gmt":"2023-09-25T12:41:53","slug":"im-gesprach-mit-andrea-heller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andreaheller.ch\/?p=1576","title":{"rendered":"Felicity Lunn im Gespr\u00e4ch mit Andrea Heller, 2019"},"content":{"rendered":"<p>(deutsch)<\/p>\n<p>Felicity Lunn \u2014 In dieser umfangreichen Einzelausstellung zeigen wir deine neuen Arbeiten in einer Gegenu\u0308berstellung mit einer Auswahl \u00e4lterer Werke. Die Medien, in welchen du seit dem Studienabschluss 2003 vor<br \/>\nallem arbeitest, sind Malerei, Keramik, Glas und Gips. Jedenfalls bist du in der Schweizer Kunstszene vor allem fu\u0308r deine Tuschezeichnungen bekannt. Was sind hier die wichtigsten Eigenschaften von Tusche auf Papier?<br \/>\nAndrea Heller \u2014 Tusche oder auch Aquarell auf Papier ist eine sehr direkte Technik. Einmal aufgetragen, ist jeder Strich, jede Fl\u00e4che gesetzt. Meist arbeite ich lasierend und male direkt Verl\u00e4ufe in Fl\u00e4chen, die hellste Farbe ist das Weiss des Papiers. Nur in ganz dunklen Fl\u00e4chen kann etwas verborgen werden.<\/p>\n<p>\u2014 Wie beginnst du eine neue Zeichnung?<br \/>\nMeist erarbeite ich den Ablauf meines Vorgehens im Voraus, \u00fcberlege mir, was ich f\u00fcr Voraussetzungen brauche fu\u0308r die Zeichnung. Dann h\u00e4nge ich das Blatt entweder an die Wand oder ziehe es nass auf einem extra daf\u00fcr gebauten Tisch auf. An der Wand entstehen Verl\u00e4ufe, auf dem Tisch Fl\u00e4chen mit Trocknungsringen. Ich habe Themen, aber kein fertiges Bild im Kopf. Die Papierarbeiten wachsen organisch oder architektonisch, aber ohne Plan, in kleinen Teilen, die sich dann zu etwas Grossem zusammenfu\u0308gen.<\/p>\n<p>\u2014 Sehr offensichtlich ist die Abwesenheit von Details in deinen Zeichnungen.<br \/>\nGenau, es gibt keine einzelnen Pinselstriche oder Punkte. Striche entstehen nur durch \u00dcberlagerungen von Fl\u00e4chen. Das Bild ist immer das direkte Resultat technischer Vorg\u00e4nge.<\/p>\n<p>\u2014 2018 hast du angefangen, auch auf Stoff grossformatige Zeichnungen zu malen, die du zum ersten Mal in dieser Ausstellung zeigen wirst. Warum wolltest du mit diesem Material arbeiten?<br \/>\nDie Struktur, die Textur des Stoffes ist fu\u0308r mich sehr anziehend und die daraus resultierenden Zeichnungen sind objekthafter und k\u00f6rperlicher. Stoff ist auch ein Material, das uns im Alltag in unterschiedlicher Form oft umgibt und daher auch anders konnotiert ist als Papier. Sehr bald habe ich bemerkt, dass die Farben noch mehr Leuchtkraft haben auf diesem Untergrund.<\/p>\n<p>\u2014 Bei den Stoffarbeiten ist deine Palette umfangreicher geworden, nicht wahr? Du scheinst eine gr\u00f6ssere Auswahl an Farben \u2013 dunkle, starke wie auch hellere Farben \u2013 zu verwenden. Du probierst hier auch neue und komplexere abstrakte Formen aus. Kommt diese Entwicklung durch die anderen M\u00f6glichkeiten mit Stoff im Vergleich zu Papier? Haben sich deine Themen bei diesem neuen Material ge\u00e4ndert?<br \/>\nDie Themen haben sich nicht unbedingt ver\u00e4ndert, ich verfolge und behandle sie immer wieder anders und differenzierter. Farblich habe ich andere M\u00f6glichkeiten auf der rohen Baumwolle, die ich teilweise wie das<br \/>\nPapier bemale, teilweise fast eher einf\u00e4rbe. Auch kann ich viel dichter schichten und \u00fcbermalen oder mit Nass-in-Nass-Kombinationen spielen.<\/p>\n<p>\u2014 Du hast mehrere Themen, die in deiner Arbeit immer wieder zur\u00fcckkehren. Welche sind fu\u0308r dich die wichtigsten?<br \/>\nEtwas, was mich immer wieder besch\u00e4ftigt, sind die Wahrnehmung eines Ortes und dessen Fragilit\u00e4t, auch Konstruktionen \u2013 physisch gebaute, aber auch gedankliche. Die Stoffarbeiten beispielsweise habe ich urspru\u0308nglich als Flaggen f\u00fcr unspezifische Orte gedacht, die nur in meinem Kopf existieren, Orte, an denen ich in Gedanken oder im Traum war. Dem Unverm\u00f6gen, einen Traum nachzuerz\u00e4hlen, kommt das Nachzeichnen<br \/>\neines solchen Ortes gleich. Jedoch transformiere ich hier den unspezifischen in einen existierenden, scheinbar gebauten Raum, was sich in den Titeln dieser Serie widerspiegelt. Insofern ist es auch ein Nachdenken \u00fcber Illusion und Verg\u00e4nglichkeit.<\/p>\n<p>\u2014 Wie planst du, diese neuen Werke in der Ausstellung zu zeigen?<br \/>\nIch zeige sie direkt an der Wand \u2013 wie Vorh\u00e4nge oder Wandteppiche. In einem der R\u00e4ume werden sie mit einer Installation aus Glas- und Keramikobjekten kombiniert. Beide Serien haben einen starken handwerklichen Charakter.<br \/>\nDas Handwerkliche hat einen zentralen Platz in meiner Arbeit, denn es leitet mich immer zu einem Medium. Meine Herangehensweise ist nicht akademisch, das heisst, ich besch\u00e4ftige mich wenig mit theoretischen<br \/>\nFragen zur Malerei. Ich finde das Medienspezifische einengend. Ich arbeite recht intuitiv; tats\u00e4chlich ist die Intuition f\u00fcr mich wie ein Werkzeug,<br \/>\ndas ich bewusst verwende, um meine eigene Sprache zu verfeinern.<\/p>\n<p>\u2014 Du hast von gebauten R\u00e4umen gesprochen. Wie geht es damit weiter in deiner Arbeit?<br \/>\nIn deren Verh\u00e4ltnis zum K\u00f6rper, aber auch deren Dekonstruktion und Bedrohung. Rauch und Wolken, die k\u00f6rperhaften Gebilde faszinieren mich in ihrer Immaterialit\u00e4t. Die Zusammensetzung eines Ganzen aus einer Unmenge an Kleinstpartikeln \u2026 Cluster \u2026 Unterschwellig spielt die Bedrohung der Existenz eine Rolle.<\/p>\n<p>\u2014 Manchmal wirken deine Bilder, vor allem die kleinformatigen<br \/>\nZeichnungen, gar nicht bedrohlich, sondern eher zuerst sch\u00f6n, sogar lieblich. Ist dies eine Strategie, um den Betrachter in den ersten Sekunden zu verfu\u0308hren?<br \/>\nIn den meisten Werken gibt es nebst dieser \u00e4sthetischen Verf\u00fchrung ein Irritationsmoment, einen Bruch. Solche Br\u00fcche und Kontraste sind mir wichtig und ziehen sich durch alle Themen in meiner Arbeit. Sie machen eine mehrschichtige Lesbarkeit m\u00f6glich.<\/p>\n<p>\u2014 Welche Rolle spielt das Modell in deiner Praxis?<br \/>\nDer Modellcharakter meiner Arbeit ist sehr pr\u00e4sent und wichtig. Die Werke sind modellhaft zu verstehen, da sie nichts Reelles abbilden, sondern auf etwas verweisen, das ausserhalb liegt. W\u00e4hrend meines Kunststudiums habe ich Kleidungsstu\u0308cke und Schuhe als nicht funktionierende Attrappen hergestellt, die f\u00fcr mehrere Sachen stehen konnten. Die neuen Gipsobjekte aus der Serie Terrain vague haben eine vielschichtige Modellfunktion; sie erinnern sowohl an Anatomie-Modelle aus dem Schulunterricht, wo<br \/>\nman Bauchdecke, Ged\u00e4rme, Geschlechtsorgane u. a. m. auseinandernehmen konnte, als auch an Landschaftsbilder aus der Luft, Modelle mikroskopischer Krankheitsbilder oder Sedimente. Die Glas- und Keramik-Objekte der Werkserie Magnitude zeigen modellhaft eine Vulkanlandschaft. Darauf verweist der Titel, denn Magnitude ist u. a. die<br \/>\nMasseinheit zur Messung der St\u00e4rke eines Vulkanausbruches. Die u\u0308bereinandergestu\u0308lpten, farbigen Glasglocken und die kuppelartigen Keramiken k\u00f6nnten aber auch weibliche Br\u00fcste sein. Ich interessiere mich<br \/>\nfu\u0308r die archaische Form von Brust, Vulkan, Pyramide, Behausung, die in meinen Zeichnungen immer wieder dargestellt und untersucht wird.<\/p>\n<p>\u2014 Wie gehst du mit dem Raum in deiner Ausstellung um?<br \/>\nIch wollte unbedingt die Salle Poma \u2013 den grossen Kubus im Kunsthaus mit einer Fl\u00e4che von 365 m2 und einer H\u00f6he von 5,80 m \u2013 bespielen, um das enorme Volumen auszuprobieren. Seine schlichte Masse umgibt einen, sodass man die eigene Fragilit\u00e4t vis-\u00e0-vis der Schwere vom Raum spu\u0308rt. Ich wollte etwas dieser Masse gegenu\u0308berstellen, das selbst imposant und<br \/>\nbrutal, aber auch zerbrechlich wirkt.<\/p>\n<p>\u2014 Was bedeutet der Titel?<br \/>\nL\u2019Endroit de l\u2019envers kann nicht direkt \u00fcbersetzt werden, heisst aber etwa \u00abDer Ort des Verkehrtseins\u00bb. Es ist ein umgekehrter Ort, wo es kein Hinten und kein Vorn gibt und sich der Standpunkt immer wieder ver\u00e4ndert. Beim Eintreten in den Saal wird man mit einer schr\u00e4gen verschlossenen Wand konfrontiert; erst beim Herumgehen \u00f6ffnet sich die Struktur. Die Besucher k\u00f6nnen auch unten- und zwischendurch gehen. L\u2019Endroit de l\u2019envers steht in einer engen Beziehung zu den Gipsarbeiten, die auch fu\u0308r diese<br \/>\nAusstellung entstanden sind. Gewisse sind modellhafter<br \/>\nals andere, da sie Architekturelemente, wie Observatorien, Treppen oder Mauern aufweisen.<br \/>\n\u2014 Oder sind Echos der abstrakten Skulptur der 1950er<br \/>\nund -60er Jahre \u2026<br \/>\nDas stimmt. Der Mensch ist in dieser Arbeit abwesend und doch allgegenw\u00e4rtig. Der Betrachter, die Betrachterin kann in vielen der<br \/>\nGipsobjekte imagin\u00e4r herumgehen, andere \u2013 beispielsweise die Muschelformen \u2013 lassen einen aussen vor. Der Gips ist teilweise von Tusche eingef\u00e4rbt und die Objekte sind unterschiedlich glatt. In dieser pseudo-wissenschaftlichen Auslegeordnung in der langen Vitrine werden die Objekte fast zu einer Art Aneinanderreihung tagebuchartiger Fundstu\u0308cke einer Reise.<\/p>\n<p>Felicity Lunn ist Direktorin und Kuratorin am <a href=\"https:\/\/www.pasquart.ch\/\">Kunsthaus Centre d&#8217;art Pasquart in Biel\/Bienne.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(deutsch) Felicity Lunn \u2014 In dieser umfangreichen Einzelausstellung zeigen wir deine neuen Arbeiten in einer Gegenu\u0308berstellung mit einer Auswahl \u00e4lterer Werke. Die Medien, in welchen du seit dem Studienabschluss 2003 vor allem arbeitest, sind Malerei, Keramik, Glas und Gips. Jedenfalls bist du in der Schweizer Kunstszene vor allem fu\u0308r deine Tuschezeichnungen bekannt. 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